In der Schwangerschaft, insbesondere im ersten Trimester, besteht ein erhöhter Bedarf an Folat. Eine adäquate perikonzeptionelle und pränatale Folsäure-Supplementation kann das Risiko für Fehlbildungen beim Fetus sowie Frühgeburten und ein geringes Geburtsgewicht verringern.
Das wasserlösliche Vitamin Folat (auch Vitamin B9) ist ein essenzieller Mikronährstoff und in seiner aktiven Form (Tetrahydrofolat) als Überträger von Molekülstrukturen mit einem Kohlenstoffatom an vielen Stoffwechselprozessen beteiligt. Dazu zählt die Synthese von Purinen und Thymidylat und damit auch die DNA-Synthese. Folat ist somit bei allen Zellteilungs- und Wachstumsprozessen beteiligt und für eine normale embryonale Entwicklung unerlässlich. Folsäure ist die künstlich hergestellte Form des Vitamins.1
Das Neuralrohr, aus dem sich das zentrale Nervensystem entwickelt, wird etwa drei Wochen nach der Konzeption gebildet und schließt sich bis zum Ende der 4. Schwangerschaftswoche.2 Neben genetischen Faktoren gehören zu den Risikofaktoren eines Neuralrohrdefekts (NRD) der Ernährungszustand der Mutter, Diabetes vor der Schwangerschaft, Medikamente wie Antiepileptika in der Frühschwangerschaft und eine frühere Schwangerschaft mit NRD.3
Eine unzureichende Folat- und Folsäurezufuhr in der perikonzeptionellen und pränatalen Phase ist der größte, aber vermeidbare Risikofaktor für Neuralrohrdefekte wie Spina bifida und Anenzephalie.3 Zudem erhöht eine mangelhafte Versorgung in der Schwangerschaft das Risiko für Frühgeburten, fetale Wachstumsverzögerungen und ein geringes Geburtsgewicht.1 Eine adäquate perikonzeptionelle und pränatale Folsäure-Supplementation kann hingegen das Risiko für NRD, angeborene Herzfehler, ein geringes Geburtsgewicht, Frühgeburten und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten reduzieren.1,4
Folat und Folsäure sind auch für den Stoffwechsel der Mutter wichtig.2 Eine Unterversorgung kann zu einer Homocysteinämie führen, die mit habituellen Aborten, Präeklampsie und vaskulären Komplikationen in Verbindung stehen kann.2,4,5
Da der menschliche Organismus nicht in der Lage ist, Folat endogen zu synthetisieren, muss die Zufuhr über die Nahrung erfolgen.2 Gute Lieferanten sind grünes Gemüse, insbesondere grünes Blattgemüse wie Spinat und Salate, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte. Aber auch tierische Lebensmittel wie Eier sind folatreich.6 Da das Vitamin wasserlöslich und sehr empfindlich gegenüber Hitze ist, kann es bei der Zubereitung von Lebensmitteln zu großen Verlusten des Folatgehalts kommen. Selbst über eine ausgewogene Ernährung kann die Aufnahme einer ausreichenden Menge an Folat schwierig sein.2,7
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Ernährungsfachgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz (D-A-CH-Gesellschaften) empfehlen für Schwangere eine Tageszufuhr von 550 Mikrogramm (µg) Folat-Äquivalent. Dies entspricht fast der doppelten Menge des empfohlenen Tagesbedarfs für nicht schwangere Frauen. Für Stillende empfiehlt die DGE eine tägliche Zufuhr von 450 µg Folat-Äquivalent.6 Denn der Bedarf ist aufgrund der erhöhten Zellteilungsrate und der gesteigerten Erythropoese im mütterlichen Organismus erhöht.8 Folat-Äquivalente werden von der Mehrheit der Frauen jedoch nicht in ausreichenden Mengen aufgenommen.9 Ergänzend zu einer folatreichen Ernährung wird Frauen mit Kinderwunsch daher angeraten, täglich 400 µg Folsäure zu supplementieren.1
Mehr als die Hälfte der deutschen Frauen im gebärfähigen Alter nimmt nicht genügend Folat über die Nahrung auf, um einen optimalen Serum- oder Erythrozyten-Folat-Spiegel (> 18 beziehungsweise 1.000 Nanomol/Liter (nmol/l)) zu erreichen, der zur Vorbeugung von Spina bifida und Anenzephalie erforderlich ist.4 Die Unterversorgung mit Folat ist auch in der Schwangerschaft dramatisch: Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ermittelte im Jahr 2023 eine deutlich geringere Aufnahme von Folat durch die Nahrung bei europäischen schwangeren und stillenden Frauen. Die mittlere Folataufnahme schwangerer Frauen liegt nur bei 196−271 (Min.-Max.) μg/Tag.10
Die Folsäure-Supplementation sollte spätestens vier Wochen vor der Konzeption begonnen werden – idealerweise liegt der Einnahmebeginn drei Monate vor der Konzeption – und sich bis zum Ende des ersten Trimesters fortsetzen.1,2
In Deutschland ist die Versorgung mit Folat und Folsäure in der Schwangerschaft oftmals kritisch. Zur Vermeidung von Fehlbildungen wie Neuralrohrdefekten ist eine rechtzeitige und ausreichende Folsäure-Supplementation das Mittel der Wahl zur Prävention dieser Risiken.